Streetart: Julius Bendorf
Das Leben und was bleibt- Der Bogen der Erinnerung- die Stolpersteine der Familie Bendorf
„Ich weiß, dass ich ganz viel draußen mit den Nachbarskindern gespielt habe, wir gingen in den verschiedenen Häusern ein und aus. […]Ich bin ja in den Sportverein in Ober-Ramstadt bereits mit 10 Jahren, also 1925 eingetreten. Mit den Sportkameraden habe ich mehr Lebenszeit verbracht als mit meinen Schulkameraden.“
Julius Bendorf, Interview Beier 1988
Die beiden Bilder beschreiben das Leben von Julius Bendorf metaphorisch vor der NS-Zeit, vor Ausgrenzung, Verfolgung und Auschwitz und die Erinnerung daran in Form der Stolpersteine heute.
Auf der linken Seite ist der Sportler während seiner Jugend dargestellt (ca. 1930 – 1939). Er hat bereits einen Speer geworfen, welcher neu und unverbraucht erscheint, und befindet sich immer noch in der Wurfposition. Der fliegende Speer zeigt seine Hoffnungen für die Zukunft, sein Leben vor den Nazis und dem Holocaust. Ebenfalls ist seine Kamera neu und unversehrt abgebildet.
Seine Kamera, eine Leica, war immer bei ihm, denn das Fotografieren war seine Leidenschaft, neben dem Sport. Wichtig war ihm besonders das Festhalten der glücklichen gemeinsamen Momente, besonders im Sport.
Das Wappen der Stadt zeigt seine Verbundenheit zu Ober-Ramstadt. Der TV Ober-Ramstadt war sein Verein bis 1933. Gemeinsam sieht man ihn mit seinem Bruder und anderen jungen Leuten auf dem Sportplatz.
Seine Sportschuhe, ein wichtiger Teil seines jungen Lebens, sind besonders hervorgehoben.
Das Bild mit den schier zahllosen Stolpersteinen soll als Erinnerung und Warnung stehen, welches an die Opfer des Holocausts erinnert. Im Vordergrund sind die beiden Stolpersteine für Manfred und Julius. Doch hinter deren Steine stehen die unzähligen Opfer, bekannt oder unbekannt, mit oder ohne Stolperstein.
Für die allermeisten Opfer sind die Stolpersteine in unseren Straßen auch so etwas Ähnliches wie Grabsteine, denn Millionen Opfer haben keinen Friedhof oder Ort der Ruhe. Ihre Asche ist verstreut und für ihre Angehörigen gibt es keinen Ort der Erinnerung.
Ava Menger, Marla von Werner
Der Schatten des Sportlers –Todesmärsche – Kälte – Überleben
„Alle paar Tage hielt man an, dann wurden die Toten aus dem offenen Güterwagon geworfen [...], von 5000 Häftlingen sind 900 in Dachau angekommen“
Julius Bendorf im Interview 1988
Julius Bendorf ist einer der wenigen Überlebenden des Todesmarsches von tausenden von Häftlingen, der am 18. Januar 1945 in Auschwitz-Monowitz begann und im April mit der Befreiung Dachaus, durch die Alliierten, beendet wurde. Ein Überleben dieser Gewaltmärsche schien schier unmöglich. Kälte, Hunger und die Gewalt der SS Wachen
In einem letzten Versuch der SS-Wachen alle Gefangenen zu töten eröffneten sie kurz zuvor noch das Feuer auf die entkräfteten letzten Überlebenden und fügten ihm eine bleibende Beinverletzung zu.
Zur Zeit der Todesmärsche ist Julius‘ Bruder Manfred bereits von den Nazis ermordet worden.
Dieses Bild stellt Julius in KZ-Häftlingskleidung und mit der tätowierten Häftlingsnummer dar. Er geht allein auf einem schier endlosen Pfad durch eine kalte Einöde.
Sein Schatten ist allerdings nicht der des körperlich ausgezehrten Mannes, sondern der des lebensfrohen Sportlers dessen Geist weiterhin in ihm lebte.
Daniel Buntkowsky
Überleben und Heimkommen: Das allgemeine Schweigen
„Nach dem Krieg bin ich mal nach Ober-Ramstadt gefahren[…] ich hatte dort keine positiven Erlebnisse. Als der Krieg zu Ende war haben sie (die Nazis) sich bald mit den Amerikanern verbündet. Sie hatten bald satt zu essen, hatten Zigaretten und alles, ihnen ging es hervorragend […] Ich hatte hier keine Freunde mehr“
Julius Bendorf, Interview Beier 1988
Als Julius Berndorf nach Ober-Ramstadt zurückkehrte, fand er sein Haus von Fremden bewohnt vor. Das Haus ist hell erleuchtet aber seine Eltern und alle seine Verwandten wurden schon 1942 deportiert und ermordet. Er war der einzige Überlebende seiner Familie. Niemand wollte seine Geschichte wissen, keiner sucht den Kontakt zu dem bis 1933 im Ort beliebten, geselligen und fröhlichen ehemaligen Sportkameraden.
Es blieb ihm nichts, Möbel und Wertgegenstände wurden im Ort versteigert oder verteilt, auch sämtliche persönliche Habseligkeiten und Erinnerungsstücke der Familie waren verschwunden.
Das Bild zeigt Julius im Schatten und gebeugt. Niemand spricht ihn an oder interessiert sich für ihn, scheinbar. Was soll ihn in seiner alten Heimat halten? Das Gefühl der Leere und der Eindruck keine Freunde mehr hier zu haben begleitet ihn auf Schritt und Tritt.
Ein öffentlicher Aufruf über das erste Mitteilungsblättchen der alliierten Militärbehörden mit dem er die Habseligkeiten seiner Familie sucht verhalt fast ungehört.
Jolina Erdmann, Larissa Kobsa, Lasse Wehner
Vom Rand in das Zentrum- die Parallelwelt des jüdischen Sports in der NS-Zeit
„Wir hatten fast jedes Wochenende einen Wettkampf, wir fuhren durch ganz Deutschland. Wir starteten vor vielen Zuschauern. Ich war in fast jeder größeren Stadt: in Berlin, in Köln, in Stuttgart und in Fürth – nur in Hamburg war ich nie“
Julius in einem Interview 2011
Julius und Manfred Bendorfs Geschichte hat mich sehr bewegt, weil sie nicht nur eine Sportgeschichte ist, sondern auch von Verlust und der Bedeutung von Erinnerung erzählt. Julius und Manfred liebten den Sport, besonders die Leichtathletik. Diese Leidenschaft half ihnen, in einer Zeit großer Ausgrenzung und Bedrängung nach 1933 zusammenzuhalten.
Wir wollten Julius und Manfred eine fiktive Sonderausgabe der größten Sportzeitung Deutschlands widmen, dem „Kicker“, denn sie hätten es verdient gehabt. Julius selbst, das beweisen Bilder, hat früher den in den 20er Jahren von Walther Bensemann, von einem jüdischen Sportjournalisten gegründeten „Kicker“ gelesen. Ein Bild aus dem Arbeitslager in Paderborn von 1939 zeigt das.
Er sitzt gemeinsam mit anderen vor dem Lager und liest. Julius und Manfred haben viele unterschiedliche Sportarten betrieben, auch Fußball und Handball. Darunter steht ein Datum, das eine tiefe, lebenslange Wunde bei Julius hinterlassen hat, es ist der Tag, wo Manfred vom Arbeitslager Auschwitz-Monowitz ins Stammlager Auschwitz zur Ermordung überstellt wurde.
An den Rand gedrängt und angefeindet: Jüdischer Sport nach 1933
Nach 1933 blieb Julius und Manfred nur in den jüdischen Sportverein Schild einzutreten um überhaupt weiter Sport treiben zu können. Die Ausschnitte von jüdischen Sportzeitungen zeigen, dass jüdische Menschen in eine Parallelwelt am Rande der Gesellschaft gedrängt wurden. Sie wurden für die neue NS „Volksgemeinschaft“ unsichtbar.
Sie feierten große Sportfeste reichsweit unter immer schwieriger werdenden Bedingungen. Man versuchte ein Stück Normalität in zu bewahren.
Am Rande der NS-Gesellschaft waren sie ausgegrenzt und angefeindet. Nur noch wenige erlaubte jüdische Zeitungen durften über die Sportfeste von „Schild“ oder „Makkabi“ und die Erfolge der Sportler schreiben.
Dennoch war der jüdische Sport zwischen 1933 und 1938 eine Parallelwelt, eine Flucht vor dem Alltag der NS-Erniedrigung und Ausgrenzung. Man versuchte in einer immer feindlicher werdenden Umwelt eine gewisse Normalität miteinander zu leben.
Wir wollten den jüdischen Sport wieder in die Mitte der Gesellschaft bringen, da wo er eigentlich hingehört.
Auf dem Bild sieht man die beiden Brüder. Julius (links) dreht sich leicht mach seinem Bruder Manfred um. Das Umdrehen soll die ungewöhnliche enge Bindung der beiden zeigen und wie nah sie sich waren. Zudem soll es aber auch zeigen, dass während Julius vorne rennt und sein Ziel erreicht, ist Manfred inmitten seines Weges nicht mehr dabei.
Ab 1933 wurden alle Menschen jüdischen Glaubens oder Herkunft, wie Julius und Manfred Bendorf, aus dem Sport ausgeschlossen. Für sie war – wie für viele andere auch – Sport nicht nur ein Hobby, sondern ein wichtiger Teil ihres Lebens, der ihnen genommen wurde. Sport schafft soziale Zugehörigkeit und Identität.
Er kann Menschen aller unterschiedlicher Herkunft und Religionen zusammenführen – er kann eine Gesellschaft zusammenhalten. Allerdings: Sport kann auch eine Waffe für Diktatoren sein.
Sofia Schwarz Diaz-Manresa und Elodie Klima
Ein Leben im Blick der Kamera-
Die Linse ist zerbrochen
„Harald mach doch mal ein Foto von uns allen, nimm meine Kamera!“
Julius beim Besuch auf dem jüdischen Friedhof in Dieburg 2011
Ab 1933 ist Julius Bendorfs Leben langsam auseinander gefallen, durch die beginnende Ausgrenzung und Verfolgung.
Julius hat sein Leben mit der Kamera begleitet. Die Linse seiner Kamera ist zersplitterte. Man sieht in den Splittern seine glückliche Kindheit und Jugend, seine Bar Mitzwa, der Bauernhof seiner Eltern, seinen Vater als Soldat im ersten Weltkrieg, seine Mutter und auch Julius als erfolgreicher Hochspringer. Allerdings sieht man gespiegelt in den Scherben, die Symbole des Massenmordes: die tätowierten Auschwitznummern seines Bruders Manfred und von Julius selbst.
Die Kamera war für ihn ein wichtiger Bestandteil seines Lebens, da diese ihn die meiste Zeit begleitet hat, sogar bis in die ersten Arbeitslager.
Die Flagge der USA, symbolisiert seine Hoffnungen auf einen Neuanfang in Amerika.
Ahn Nguyen Tran und Barin Arash
Los Angeles 2012 – Ober-Ramstadt 1938 – Was bleibt?
„Manfred hatte eine Verletzung am Bein und die war nicht richtig behandelt worden. So konnte er seinen Fuß überhaupt nicht mehr belasten. Er konnte also nicht mehr laufen. Sein Schicksal hat sich damit in Auschwitz vollendet“.
Julius Bendorf über seinen Bruder, Beier 1988
Manfred Bendorf war der jüngere Bruder von Julius Bendorf. Er wurde am 05.09.1919 in Ober-Ramstadt geboren. Die beiden verband vor allem ihre Leidenschaft für den Sport. Toni und Margo, die Töchter von Julius Bendorf, vermuten stark, dass Julius sich seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Manfred sehr verpflichtet gefühlt hat und ihn immer beschützen wollte.
Im August 1938 kamen die beiden in das Zwangsarbeitslager nach Paderborn und wurden dann später nach Bielefeld transportiert. Im Jahre 1943 folgte dann die Deportation nach Auschwitz, wo die beiden von den Nazis, während der tödlichen „Selektion“ an der Rampe als „arbeitsfähig“ eingestuft wurden. Das bedeutete vorerst das Leben.
Sie wurden in das Lager der IG Farben AG nach in Monowitz verlegt. Julius Bendorf überlebt im Gegensatz zu seinem Bruder Manfred das Konzentrationslager, denn Manfred verletzt sich bei der Arbeit und wurde daraufhin ermordet. „Vernichtung durch Arbeit“, hieß das Programm für die Zwangsarbeiter der KZs. Erst nach dem Kriegsende, erhält Julius erst völlige Gewissheit, über die Ermordung seines Bruders in Auschwitz.
Dieser Verlust begleitet ihn sein Leben lang. Selbst im hohen Alter war es kaum möglich ein Gespräch mit ihm darüber zu führen, wie Margo und Toni berichten. Manfreds Schicksal war für Julius eine dauernde Wunde, die sich nie schloss.
Es ist unglaublich tragisch, dass die beiden durch solche schrecklichen Umstände getrennt wurden und man kann sich nicht annähernd vorstellen, wie es sich für Julius angefühlt haben muss. Das machte das Überleben nach Auschwitz noch viel schwerer. „Warum habe nur ich überlebt?“
Eine seelische Verletzung und eine traumatische Erfahrung, die in einer ganzen Lebzeit nicht mehr heilen konnte.
Mit unserem Bild, wollten wir darstellen, wie der Tod Manfreds Julius ein Leben lang begleitet und was diese Trennung für ihn bedeutet haben muss. Selbst im hohen Alter beschäftigt ihn Manfreds Tod noch.
Das gemeinsame Altern wurde den beiden Brüdern verwehrt. Nur Julius konnte überleben und alt werden. Er muss wohl oft an die gemeinsame Zeit gedacht haben, und wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn Manfred nicht ermordet worden wäre.
Diese Geschichte zeigt aber auch, dass die Nazis nicht fähig waren die Erinnerungen an ihre Opfer völlig auszulöschen und dass die Liebe und Zuneigung zwischen Brüdern auch nicht durch den Tod zerstört werden kann.
Wir wollten verdeutlichen, dass Manfred durch Julius‘ und durch die Verbindung der beiden in Julius selbst weiterleben konnte und so nie in Vergessenheit geraten ist.
Unserer Meinung nach ist es wichtig, durch solche Einzelschicksale nachzuvollziehen, was für eine Grausamkeit der Holocaust war und wie diese Erfahrungen nachhaltig die Leben von Millionen von Menschen beeinflusst und begleitet haben. Selbst die Zeit kann nicht alle Wunden heilen und es ist wichtig, dass die Opfer des Holocaust nie in Vergessenheit geraten und ihre Erinnerung fortbesteht.
Lucie Streichert, Victoria Waldmann
1948: Schwierige Auswanderung und ein neues Leben in den USA
„Ich wollte unbedingt auswandern, denn ich hatte keine Angehörige und keine Freunde mehr. Zudem war alles, was ich erlebt hatte, so schrecklich, dass mich auch gar nichts mehr hier halten konnte.“
In Ober-Ramstadt hält Julius Bendorf nach seinen Erfahrungen nichts. Julius lebt nach seiner Befreiung in Dachau im April 1945 in Frankfurt in der Elbestraße. Er arbeitet für die US-Militärverwaltung und zählt das in Frankfurt zusammengekommene Raubgut der Nazis in der ehemaligen Reichsbank.
Alle Hoffnungen lagen nun auf einem kompletten Neuanfang in den USA, nichts konnte ihn mehr halten. Mit dem Schiff nach Amerika auszuwandern.
Er erhoffte sich, dass auch das Leben von ihm heller und fröhlicher sein wird. Auf der amerikanischen Flagge links oben in der Ecke des Bildes ist das blaue Flaggenfeld in Form eines Fensters dargestellt. Das Fenster soll den neuen Anfang, den neuen Lebensabschnitt und die Ungewissheit von Julius Bendorf darstellen.
Die möglichen Gefühle, die er bei seiner Anreise empfunden haben muss, stehen am Rand von dem Umriss der Amerikakarte.
Gefühle wie Hoffnung, Unsicherheit, Angst, aber auch Vorfreude auf ein neues Kapitel begleiten ihn auf seiner Reise auf der USS Marin Marlin in die USA. Dennoch werden die ersten Jahre für ihn sehr hart, bis er endlich beruflich Fuß fasste.
Merkeb Mehbrahtu, Anna Mink, Sarah Schiers







