Das Novemberpogrom1938 in Ober-Ramstadt: Der Auftakt zum Holocaust

Die NS-Führung nahm die Ermordung des Diplomaten Ernst von Rath in Paris, am 7.11.1938,  durch einen jüdischen Jugendlichen zum Anlass, ein reichsweites Pogrom gegen die deutschen Juden zu organisieren. Diese offenen Gewaltaktionen sollten als „spontane Reaktion“ der deutschen Bevölkerung gegen die Juden inszeniert werden. Den willkommenen Anlass bot die Verzweiflungstat des 18 jährige Herschel Grünspan, der gegen die brutale Abschiebung von über 20 000 deutschen Juden – darunter auch seinen Eltern – in das Niemandsland zwischen Polen und Deutschland protestieren wollte. Monatelang waren die Abgeschobenen menschliches Treibgut zwischen den beiden Staaten.

Hacken, Äxte und Benzinkanister: Ober-Ramstadt, 10.11.1938 morgens:

Um 5 Uhr morgens traf Goebbels Weisung auch bei der SA in Ober-Ramstadt ein. Die Partei solle allerdings nach außen hin nicht als Urheber der Aktionen in Erscheinung treten. Der SA Führer Friedrich Wilhelm Göbel bestellte sofort einen Trupp von ca. 20 Leuten in Zivil ein und ging mit Benzinkanistern, Äxten, Hacken, Pflastersteinen und sonstigen Werkzeugen bewaffnet zur Synagoge. Der kompletten Verwüstung des Innenraums folgte die Brandstiftung. Diese misslang aber zunächst, denn der in der Nähe wohnende Synagogenwärter schaffte es, die SA zu verjagen und den Brand zu löschen!

Der nach Darmstadt weiter gezogene SA-Trupp bekam daraufhin von der Kreisleitung eine nochmalige Anweisung: Er solle zurückkehren um sein Werk zu vollenden! Während der Ober-Ramstädter Bürgermeister Joergeling und der SA Sturmführer August Göbel in Darmstadt der Zerstörung der beiden großen Synagogen beiwohnten, trifft die SA gegen 12 Uhr wieder im Ort ein und sieht, dass die Synagoge schon lichterloh brennt. Befehlsmäßig verhinderte die Feuerwehr nur das Übergreifen der Flammen auf die Nachbargebäude von „Volksgenossen“. Auch in den späteren Prozessen 1946 kann nicht genau geklärt werden, wer die Täter waren- es bleibt bis heute, wenigstens offiziell, eine „täterlose Tat“.

Warum gerade Abraham Wartensleben und Joseph Bendorf? Der 10.11. nachmittags:

Jetzt eskalierte die Situation zusehends, nach den Synagogen sind die Geschäfte und Privathäuser dran: 20 SA Mitglieder und einer Menge von um die 200 Leuten zogen durch den Ort zu den Häusern von Abraham Wartensleben und der Familie von Joseph Bendorf.  Gerade Joseph Bendorf und Abraham Wartensleben waren besonders beliebte und angesehene Bürger des Ortes, sie waren in vielen Vereinen, sie engagierten sich im Ort und sie waren mit Orden geehrte alte Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges. Gerade ihnen will das Regime zeigen, dass auch sie „Untermenschen“ sind.

Ihre Häuser wurden verwüstet: Mobiliar, Geschirr, Kleider, selbst die intimsten Dinge wie Betten und Bettwäsche sowie andere Habseligkeiten wurden auf die Straße geworfen und zerstört. Aus Angst vor der Gewalt flohen die Familien gerade noch rechtzeitig zu Freunden. Durch die Straßen zog ein gewaltbereiter Mob, der zu allem bereit schien. Marschierend und rassistische Hassparolen grölend bedrohte die SA zwei Tage lang die noch 40 jüdischen Bürger im Ort.

Mittlerweile befahl Goebbels telefonisch die Aktionen einzustellen, es sollte keine unnütze Zerstörung von volkswirtschaftlichen Werten stattfinden. Joergeling versuchte noch am frühen Abend die Menge zu beschwichtigen und ging persönlich zu den betroffenen Häusern. Dennoch endeten die Gewaltakte der SA nicht.

 Haben alle mitgemacht, gab es Ansätze von Zivilcourage?

Während in der Gaststätte Starkenburg die SA mit ihren Anhängern ihre Heldentaten gebührend begoss, zog ein Grüppchen SA-Leute zum Haus von Abraham Wartensleben, um ihr Werk zu vollenden: Sie wollten das verwüstete und beschädigte Haus anzünden. Sie waren mit Benzinkanistern bewaffnet. Doch der erste Versuch misslang. Der Nachbar, der sogar ein NSDAP Parteigenosse war, verhindert die Tat. Er stand sogar Wache, um Schlimmeres zu verhindern. Ein vom Mob aus dem Fenster geworfener silberner Kiddush Becher wird von ihm gerettet und zurückgegeben, so die Zeugenaussage von Abraham Wartensleben 1946. Dennoch, gegen 3 Uhr nachts überfallen mehrere Täter das verlassene Haus und zünden es endgültig an. Es brannte bis auf die Grundmauern nieder.

Die „Volksgemeinschaft“ wird auf Linie gebracht: Die Nacht vom 10. auf den 11. November!

In der Nacht vom 10. auf den 11. wurden mindestens 9 Ober-Ramstädter Bürger von der SA aus ihren Häusern geholt und zusammengeschlagen. Dabei handelt sich zum Teil sogar um alte Parteigenossen!

Ihnen wurde vorgeworfen, sie seien immer noch „Judenfreunde“. Ihr Verhalten entspräche nicht der offiziellen Parteilinie. Dass sie immer noch freundschaftlichen Umgang mit Juden pflegten, mit ihnen Geschäfte machten oder gar ihnen beim Pflügen auf dem Acker halfen, wurde in einem späteren Parteigerichtsverfahren als „Verrat an der Volksgemeinschaft“ gesehen.

(Anton Wolniewicz, Justin Rau, Jan Valter, Patrik Schönnagel, Sarah Meenken für die Projektgruppe)

Die Pogromnacht – ein öffentliches NS-Verbrechen ohne Fotobeweise?

Fotos zu den Gewalttaten der Pogromnacht sind selten, wenn es Bilder gibt, sieht man in der Regel den Täterblick oder die Perspektive der passiven Mitläufer. Die Opfer oder unbeteiligte Beobachter hatten kaum eine Möglichkeit ihre Sicht festzuhalten. Fotografieren war zumeist verboten, obwohl es im November kein offizielles reichsweites Fotoverbot gab. Es sind einige Fälle von verhafteten Fotografen und/oder beschlagnahmten Kameras bekannt geworden. In Berlin gab es sogar diplomatische Konflikte mit Botschaftsangehörigen fremder Nationen, die verhaftet wurden und deren Bilder konfisziert wurden. An der Nummerierung der Bilder aus Ober-Ramstadt fällt auf, dass zahlreiche Fotos fehlen, nur welche? Die erst nach 1945 aufgetauchten Fotos zeigen keinerlei Täter, das wurde offensichtlich verhindert.  

Die Bildersammlung aus dem Archiv des Vereins für Heimatgeschichte ist eine Besonderheit, die ihren Weg bis in das United-States-Holocaust-Museum nach Washington gemacht hat. 

Bilder von einer „täterlosen Tat“

Der Blick auf die Feuerwehr in der Pogromnacht 

Die  Feuerwehr ist bis 1938 voll in das NS-System als „Feuerpolizei“ integriert. Sie verhindert  befehlsmäßig  nur  das  Übergreifen  der  Flammen  auf  Nachbargebäude und lässt die Synagoge bewusst „kontrolliert abrennen“ und in sich zusammenfallen.

Der Blick auf die Kinder  

Kinder schauen beeindruckt dem Spektakel zu. In Ober-Ramstadt bekommen die Schulkinder sogar schulfrei, um dieses historische Ereignis miterleben zu können. In anderen Städten der umliegenden Regionen, wie beispielsweise Darmstadt, kommen Schüler aufgrund solcher Vorfälle jedoch zu spät zum Unterricht und werden in Folge dessen mit mehreren Arreststunden aufgrund von Disziplinlosigkeit bestraft.

Doch wissen die Kinder eigentlich, weshalb die Synagoge brennt und was genau gerade vor ihren Augen passiert? Fühlen sich vielleicht sogar viele Kinder und Jugendliche durch die antisemitische NS-Erziehung aufgefordert und ermutigt selbst Gewalt anzuwenden?   

Der Blick auf die Erwachsenen 

Um die Synagoge hat sich eine große Menschenmenge versammelt und schaut dem Dilemma tatenlos zu. Unter ihr befinden sich  insbesondere Schaulustige. Der Fotograf hält u.a. ihre Gesichtsausdrücke und Körpersprache fest, doch man kann nur erahnen, was genau diese Menschen denken oder fühlen. Sieht man in ihren Gesichtern Gleichgültigkeit, Unsicherheit oder doch eher Betroffenheit!?